„Es läuft sehr erfreulich“

Bürgermeister Wilfried Roos im Jahreswechsel-Interview

„Es läuft sehr erfreulich“

Ein Haushaltsentwurf mit Rekord-Investitionen, hakende Wohnbaugebiete, eine Klimakommune unter Strom und eine Hohelied aufs Ehrenamt und selbstbestimmtes Handeln: Bürgermeister Wilfried Roos blickt zum Jahreswechsel im Gespräch mit unserem Mitarbeiter Alfred Riese auf Tops und Flops, auf positive und negative Entwicklungen im Jahr 2019 zurück und schaut am Ende des letzten vollen Jahres als Bürgermeister vor der nächsten Kommunalwahl nach vorne.

Alfred Riese:  Herr Roos, im September 2020, mit der Kommunalwahl, scheiden Sie aus dem Amt aus nach mehr als 25 Jahren an der Spitze der Gemeinde Saerbeck. In diesem Tagen geht für Sie das letzte volle Jahr als Bürgermeister zu Ende. Mit Blick auf die vergangenen zwölf Monate: Verlangt es Sie eher nach Sekt zum Feiern oder nach einem Schnaps?

Wilfried Roos: Sowohl als auch. Viele Dinge sind im Laufe meiner langen Amtszeit härter, unerfreulicher geworden. Etliches hat sich verändert. Aber Saerbeck ist immer noch ein Stückweit heile Welt. Saerbeck arbeitet weiter daran, sich positiv aufzustellen. Im Moment stehen wir gerade an einer Schwelle.

Andreas Bennemann, der neue Leiter des Planungsamts, berichtet gerade: Das Gewerbegebiet (GE) Nord II könnte man auch in „Grüne Energie“ umbenennen. Firmen, zum Beispiel in den Bereichen Wasserstoffproduktion, Speichertechnik und Batteriebau, kommen zu uns, weil wir Klimakommune sind. Auch deshalb sind wir zurzeit sehr erfolgreich beim Schaffen von Arbeitsplätzen. Wir werden europaweit gesucht und gefunden.

Und warum der Schnaps?

Das eine oder andere Gespräch zu Grundstücksgeschäften und anderen Vertragsangelegenheiten war nicht so erfolgreich. Das Leben ist zäher geworden, aber immer noch positiv.

Auf einer Skala von eins bis zehn sehe ich Saerbeck bei acht. Auch, wenn ich mit Bürgermeister-Kollegen spreche, stehen wir im Vergleich sehr gut da.

Die Mannschaft in der Verwaltung ist eine extrem tolle Truppe und zieht auch bei der laufenden Umstrukturierung gut mit. Ich darf zurzeit etliche langjährige Mitarbeiter in den Ruhestand verabschieden. Das kommt davon, wenn man im Amt so ein Dinosaurier ist wie ich. Auch die Zusammenarbeit mit dem Rat ist hervorragend. Diskussionen werden sehr ernsthaft und nicht ums Prinzip geführt. Man sieht die Inhalte.

Insgesamt läuft es sehr erfreulich, finde ich.

Womit hätten Sie im Jahr 2019 zu Beginn nicht gerechnet?

Mit dieser herausragenden Bewerberlage für das Gewerbegebiet Nord II. Das ist wirklich faszinierend. Es sind alles „dicke Fische“ mit innovativen Projekten im Bereich erneuerbaren Energien. Diese Gespräche sind nur möglich, weil wir Klimakommune sind. Womit ich auch nicht gerechnet hätte, ist die Entwicklung beim Förderverein Klimakommune (dessen Vorsitzender Roos ehrenamtlich ist; Anm. d. Red.). Dieser Verein ist besonders mit dem Außerschulischen Lernstandort Saerbecker Energiewelten auf einem ganz tollen Weg.

Wenn Sie eine Nachricht, die Ihnen gefehlt hat, selbst schreiben könnten – welche wäre das?

Im Gemeindehaushalt die Einnahmesituation, da ist die letzte Spitze nicht eingetreten. Aber hier stöhnen wir auf hohem Niveau. Ansonsten fällt mir gerade nichts ein, das wirklich gefehlt hätte.

Top und Flop 2019 im Dorf – was war das für Sie?

Top sind alle Vereine und Verbände und was sie ehrenamtlich leisten. Das ist unvorstellbar stark und wäre mit Finanzmitteln der Gemeinde in dieser Qualität nicht zu bezahlen. Nehmen sie zum Beispiel allein das Ehrenamt, das im Jugendzentrum JuZe steckt. Kolping, Schützen, Falke, Reiter – das war und ist höchste Qualitätsstufe und eine absolute Topsituation für das Dorf. Und das ist ein Roter Faden, der sich durch Saerbeck zieht.

Der große Flop kam jetzt zum Jahresende – die Sprayer-Aktion mit etlichen zehntausend Euro Sachschaden. Dass so etwas in Saerbeck immer noch passiert, dass sich Jugendliche so außerhalb der Gesellschaft stellen, ist eine absolut negative Sache, wie auch die Vermüllung zum Beispiel mit Brötchentüten. Aber auch in Saerbeck ist eben nicht alle Tage Sonntag.

Ein bisschen floppig ist auch, dass uns die Entwicklung neuer Baugebiete nicht so gelungen ist, wie wir das vorhatten. Wir geloben Besserung, auch wenn wir dafür jetzt in den geplanten Baugebieten Eschgarten III und IV den Kampf mit dem Emissionsrecht aufnehmen müssen.

Nehmen wir mal an, Sie hätten einen Preis für besondere persönliche Verdienste um Saerbeck im Jahr 2019 zu vergeben. Wer würde den bekommen und wofür?

Solche persönlichen Verdienste entwickeln sich über Jahre. Die Namen können sie beim Neujahrsempfang hören. Dann wird der Vorstand des Verkehrsvereins ausgezeichnet, der für die Organisation des Adventsmarkts steht. Was diese Menschen all die Jahre geleistet haben! Der Adventsmarkt schafft ja unter anderem eine Plattform für andere Vereine, um deren Arbeit mit zu finanzieren. Genauso gut könnte ich den Heimatverein nennen oder die Schützenvereine. Die Vereinsvorstände haben alle einen Orden verdient. Ich bin sicher, dass dieses Dorf weiter durch seine Vereine und das Ehrenamt getragen wird – und das ist toll. Deshalb bin ich immer stolz gewesen, Saerbecker Bürgermeister zu sein.

Unterm Strich: Wo sehen Sie in 2019 die positiven Entwicklungen in Saerbeck? Und die negativen?

Wir sind, mit sehr großer politischer Einheit im Rat, auf dem Stand geblieben. Das war bei beschränkten Ressourcen schon schwierig genug. Aber wir bleiben in der Spur, wie seit Jahrzehnten. Die Klimakommune hat sich als Standortfaktor weiterentwickelt.

Die negativen Entwicklungen haben ihren Ursprung ein Stückweit in landespolitischen Vorgaben. Bei der Bezirksregierung mussten wir noch mehr kämpfen, weil man uns dort mitunter nicht abnimmt, dass wir unsere Pläne ernst meinen. Die gesetzlichen Hürden und die Bürokratisierung nehmen dramatisch zu. Im Leader-Programm zum Beispiel können Vereine die Förderanträge praktisch gar nicht allein stellen, so umfangreich und kompliziert sind die. Vor 25 Jahren war da noch die gute alte Zeit.

Viele Kinder im Dorf, viele Pläne für neue Kitas: Freude oder Herausforderung?

Das ist die reine Freude. Ich freue mich über jede einzelne Urkunde für ein Begrüßungsgeld für Neugeborene. Ich freue mich sehr über junge Familien mit Kindern, die sich, auch als Zugezogene, in Saerbeck heimisch fühlen. Das haben wir den Vereinen mit ihren Angeboten zu verdanken und der Gemeinde, die die Infrastruktur schafft: Kitas, Schulen, OGS. In der großen Politik wird gerade über einen Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung in der Grundschule nachgedacht. Wir haben das hier faktisch schon lange.

Wir sind als Gemeinde gut beraten, die Angebote für Familien mit Kindern weiterzuentwickeln. Auch für ansiedlungswillige Firmen ist die Wohn- und Lebensqualität für ihre Mitarbeiter wichtig.

Sie haben Anfang Dezember einen Haushaltsentwurf für 2020 vorgelegt, der 12,6 Millionen Euro Investitionen vorsieht. Wie kommt diese gewaltige Summe zustande. Heißt das, es gab einen Investitionsstau? Oder wechseln nach Jahren des Sparens und der Konsolidierung nun die Leitlinien?

Einen Investitionsstau gibt es nicht. Die Asbestsanierung in der Grundschule zum Beispiel ist erfolgt. Aber die Raumbedarfe beider Schulen werden, unter anderem durch die Inklusion, bei gleichbleibenden Schülerzahlen größer. Ein Hauptfaktor bei dem großen Investitionsvolumen sind Grundstücke. Der riesige Betrag dafür zeigt, dass wir zukunftsgewandt aufgestellt sind. Und die Bewerberliste für das aktuelle Gewerbegebiet Nord II gibt diesen Investitionen Recht. Die 2,5 Millionen Euro für den Ankauf der restlichen Gesellschafteranteile der Saerbecker Ver- und Entsorgungsgesellschaft, der SaerVE, sind ein Signal, dass der Rat sich vorstellen kann, auch hier das Heft des Handelns in die Hand zu nehmen.

Der Rote Faden ist, dass Saerbeck selbstbestimmt handeln will. Der Rat, die Gemeinde ziehen das, unabhängig von der Sitzverteilung, konsequent durch. Wer nicht will, dass Saerbeck sich weiterentwickelt, wäre unwählbar.

Die Bewerber um Ihre Nachfolge haben sich im September und Oktober beide sehr frühzeitig aus dem Fenster gelehnt. Sie selbst sind – man muss sagen: in den vergangenen Jahrzehnten - mehrfach mit der absoluten Mehrheit der Wahlberechtigten wiedergewählt worden, ohne dass Gegenkandidaten eine Chance gehabt hätten. Glauben Sie, Saerbeck kann im kommenden Jahr überhaupt noch Bürgermeister-Wahlkampf?

Selbstverständlich. Der Bürgermeister-Wahlkampf wird hoffentlich so geführt, dass beide Kandidaten sich gut präsentieren und fair miteinander umgehen. Ich habe das Gefühl, dass beide Kandidaten sich gegenseitig respektieren.

Bei mir selbst stand zweimal nur Ja oder Nein auf dem Wahlzettel. Einerseits war das ganz bequem. Andererseits hätte ich mich gerne mit Gegenkandidaten auseinandergesetzt. Ich bin auch nie von einer Partei vorgeschlagen worden und wollte das als Parteiloser auch nicht. Jetzt unterstützen formell alle im Rat vertretenen Parteien einen der beiden Kandidaten. Aber nicht Parteien wählen einen Bürgermeister, sondern die Bürger.

Und jetzt bitte noch ihr guter Vorsatz fürs neue Jahr?

Wenn ich sage, ich würde mich freuen, wenn es so weitergeht, wäre das wohl mangelnder Anspruch. Ich hoffe, dass ich meine Spur nicht verlasse. Ich hoffe im Rathaus weiter auf gute Zusammenarbeit mit meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und dem Rat. Und ich hoffe, dass wir uns inhaltlich weiter reiben, um das Beste für Saerbeck zu erreichen. Es darf allerdings etwas ruhiger werden als in den letzten paar Wochen.

Wir bedanken uns bei Alfred Riese, der uns den Text und die Bilder zur Verfügung gestellt hat (WN, Alfred Riese, 31.12.2019)

Jahresinterview 2019

Im März: Bürgermeister Wilfried Roos bei der Feierstunde aus Anlass des 25-jährigen Jubiläums als Hauptverwaltungsbeamter in Saerbeck.

Jahresinterview 2019

Im März: Andreas Fischer (rechts), zu der Zeit noch Leiter des Planungsamts, mit Bürgermeister Wilfried Roos, seiner Frau Ilona und Sohn Philipp beim 25-jährigen Jubiläum von Roos als Rathaus-Chef.

RooJahresinterview 2019

Im März: Weggefährten in der Klimakommune schenken Bürgermeister Wilfried Roos zum silbernen Dienstjubiläum eine Fotocollage mit Stationen aus zehn Jahren Klimakommune. Von links: Prof. Christof Wetter, Guido Wallraven, Bürgermeister Roos, Johannes Dierker und Anja Schulting.

Jahresinterview 2019

Im Mai: Wilfried Roos verabschiedet Kassenleiter Hans Ogurek (rechts) in den Ruhestand.

Jahresinterview 2019

Im Juli: Prof. Dr. Christof Wetter (FH Münster, Leiter EnerPrax Forschungsprojekt), NRW-Minister Pinkwart und Wilfried Roos im Bioenergiepark Saerbeck. Foto: Ulrich Gunka

Jahresinterview 2019

Im Juli: Wilfried Roos bei der Verleihung der Zeugnisse an Abiturienten der Maximilian-Kolbe-Gesamtschule..

Jahresinterview 2019

Im August: Erneuerung der Partnerschaft mit Ferrieres durch die Bürgermeister Wilfried Roos (2. von links) und die Partnerschaftsvereinsvorsitzende Waltraud Klostermann (links) für Saerbeck sowie Bürgermeister Gerard Larcheron (2. von rechts) und Guy Beauvais für Ferrieres.

Jahresinterview 2019

Im August: In die eigene Kindheit zurück versetzt: Bürgermeister Wilfried Roos auf dem Wochenmarkt am Fleisch- und Wurststand von Sabine Sundermann, wo er als Kind in Lengerich schon eine Scheibe Wurst bekam. Foto: Alfred Riese